Förderzentrum für Jugend und Soziales

landesweit

Kopf hoch, Brust raus

Ortstermin: Selbstbehauptungskurs für Kinder mit Handicap

Von Birgit Karg

Wie man sich behaupten und im Notfall wehren kann, lernten zwölf Kinder zwischen sechs und 14 Jahren vergangene Woche in der Sporthalle der Gymnasien. Der Aufbau von Selbstsicherheit stand im Mittelpunkt des Kurses für Kinder mit Handicap. Angeboten wurde er vom Bundesverband Gewaltprävention „Selbstbewusst & Stark e.V.“ zusammen mit der Bernd-Jung-Stiftung und dem Behindertensportverein.

In der Halle sitzen zwölf Kinder mit ihren Eltern auf Bänken im Halbkreis. Kursleiter Kelly Sach stellt sich vor. Der Gewaltpräventionspädagoge aus der Nähe von Bonn ist Vorstand des Bundesverbands Gewaltprävention und arbeitete unter anderem bei der Bundesmarine und als Kommunikationstrainer. Seit 46 Jahren betreibt er Kampfsport und gibt Kurse für Kinder und Jugendliche.„Selbstverteidigung und Selbstbehauptung allein macht uns noch nicht sicher“, meint Trainer Kelly Sach. Der Aufbau von Selbstsicherheit beginne bei der Körpersprache: „Euer Körper kann sprechen“, sagt Sach, „andere können sehen, ob ihr Angst habt.“ Den Kopf nach oben, die Brust nach vorn, Hände auf die Hüften – beim Ausprobieren von Mimik und Körpersprache erleben sich die Kinder als stark und selbstbewusst. Sie erfahren, dass man beim Begrüßen mit dem Händeschütteln einen Sicherheitsabstand hat und dass der engere Kreis von 30 bis 40 Zentimetern Intimbereich heißt und hier nur vertraute Personen Zugang haben.

Dass Kinder beim Schummeln oder Lügen gerne Nase und Mund zuhalten, wissen die meisten, ebenso dass Streiten völlig normal ist. Wichtig ist das Wie: Ein dickhäutiger Elefant oder ein schnell weglaufender Hase zu sein, sei im Konfliktfall besser als eine Meckerziege oder ein wild um sich brüllender Löwe.

Mit ihrer Oma Petra ist Naomi Genzlinger dabei. Die Neunjährige mit ADHS powert sich gerne mit Bewegung aus. Etwa in der Abwehrhaltungs-Übung: Einen Schritt zurückgehen und laut „Stopp“ rufen – das setzt Kräfte frei und schüchtert das Gegenüber ein. „Unsere Elena ist oft schüchtern und ängstlich“, weiß Reinhold Störzer zu berichten. „Es gibt keine Angst, es gibt nur kein Vertrauen“, ist Trainer Kelly Sach überzeugt. Und lässt die Kursteilnehmer eine Vertrauensübung machen, bei der man sich mit ausgebreiteten Armen nach hinten in die Hände des Trainers fallen lässt. Die neunjährige Elena überwindet sich und strahlt am Ende, als sie es geschafft hat.

„Wir wollen von Inklusion nicht nur reden, sondern etwas tun“, betont Harald Stark, Geschäftsführer der Bernd-Jung-Stiftung. Das Förderzentrum für Jugend und Soziales ist landesweit einmalig und bietet ein breites Leistungsspektrum von Babymassage bis Schülerpraktikum. Die Stiftung arbeitet zusammen mit vielen Partnern, darunter dem Behindertensportverein. Über den ergab sich die Kooperation mit dem Bundesverband Gewaltprävention „Selbstbewusst & Stark e.V.“.

Obwohl er ähnliche Kurse bereits europaweit und in afrikanischen Ländern gehalten hat, ist die Arbeit in Frankenthal für Kelly Sach eine Premiere: „Der Kurs ist sehr gut gelaufen.“ Mobbing, Ausgrenzung – Kinder mit AD(H)S, Down-Syndrom, Lernschwäche und motorischen Handicaps haben damit besondere Erfahrungen gemacht, stellt Sach fest. Sie seien stärker betroffen, weil sie sich körperlich und verbal meist weniger wehren könnten. Das gelte auch für Situationen sexualisierter Gewalt.

„Die Hemmschwelle ist bei Kindern und Jugendlichen relativ niedrig“, weiß der Selbstverteidigungslehrer, „viele schlagen zu schnell zu“. Leichte Techniken aus der Selbstverteidigung, bei denen niemand verletzt wird, standen deshalb im zweiten Teil des Kurses im Mittelpunkt. Und so lernen die Kinder an dem Abend einige effektive, aber ungefährliche Fingertricks. Zum Beispiel, wie man sich mit Druck auf einen Nervenpunkt hinterm Ohrläppchen wehren kann. Sach: „Das ist besser, als direkt auf die Nase zu schlagen.“

                                                                                                                                           

Text und Quelle: Die Rheinpfalz – Frankenthaler Zeitung – Nr. 254, Montag, den 2. November 2015

 

 

Alle sollen profitieren

WIR SIND FAMILIE: Seit fünf Jahren fördert die Bernd-Jung-Stiftung Kinder und Jugendliche durch sportliche und soziale Angebote. Ohne viel Aufhebens, aber ziemlich professionell verfolgen die Gründer ein cleveres Konzept, das auch den Vereinen nützt.

Seit Kurzem gilt das Förderzentrum als Pilotprojekt im Land, der Innen-und Sportminister ist Schirmherr.

BOBENHEIM-ROXHEIM. „Im Mai haben wir Kontakt mit dem Ministerium aufgenommen“, berichtet Harald Stark, der gemeinsam mit Johannes Müller das Förderzentrum leitet. Dessen Konzept mit den Schwerpunkten Sport, Behindertensport und Gewaltprävention sei in Mainz intensiv geprüft worden, bevor Minister Roger Lewentz (SPD) zugestimmt habe, seinen Namen dafür herzugeben. Bei der Prüfung habe sich wohl ergeben, dass das Förderzentrum landesweit einmalig oder zumindest selten sei. Von einem „Pilotprojekt in Rheinland- Pfalz“ spricht Bernd Jung, dessen 1996 gegründete Stiftung das Förderzentrum trägt und finanziert. „Wir freuen uns, dass wir den Minister nachhaltig als Paten gewinnen konnten.“ Der 74-Jährige empfindet das nach nur fünf Jahren, in denen das Projekt existiert, als große Auszeichnung.

Ob es darum geht, Kinder in die Vereine zu bringen, sportliche Talente zu entdecken, schulische Leistungen zu verbessern oder der Gewalt vorzubeugen  –  das  Förderzentrum Jugend und Soziales in Bobenheim-Roxheim arbeitet vielfältig und vor allem effizient. Es sucht sich kompetente Vertragspartner wie Vereine und Verbände und vermittelt deren Angebote an andere Vereine, an Kindergärten und Schulen.

Die Heidelberger Ballschule beispielsweise bringt am Stützpunkt Bobenheim-Roxheim, auf dem Geländedes Sportclubs (SC), wöchentlich zahlreiche Kinder in Bewegung (wir berichteten im Juli 2011). Die Landesverbraucherzentrale kommt regelmäßig zum Förderzentrum am Binnendamm, um Familien bei der gesunden Ernährung zu unterstützen. Ein in Worms und Frankenthal ansässiges Lernstudio steht im Namen des Förderzentrums für Hausaufgabenhilfe zur Verfügung, der ASB Frankenthal lehrt Erste Hilfe am Kind und der Bobenheim-Roxheimer Schachclub lässt Kinder ins Spiel der Könige hineinschnuppern.

Starke  Nachfrage registrieren Bernd Jung und Harald Stark an den Kursen des Bundesverbands Selbst- bewusst & Stark zur Gewaltprävention. Sie sprechen von ausgebuchten Seminaren und Wartelisten. Der im Norden von Rheinland-Pfalz ansässige Verein zeigt nicht nur Kindern, wie man sich ohne Gewalt selbst behauptet, sondern bildet auch Erwachsene als Anti-Aggressionstrainer aus. „Wer diese Ausbildung über unser Förderzentrum macht, spart einen großen Teil der Kursgebühr“, nennt Harald Stark ein Beispiel dafür, worin für die Teilnehmer der Vorteil liegt, wenn sie das Netzwerk der Stiftung nutzen. Eine der jüngsten Kooperationen ist die mit dem Behindertensportverein Frankenthal, dem die Helfer um Bernd Jung Sportstätten vermitteln. Derzeit in Planung sind Kooperationen, die das Spektrum des Förderzentrums um Babymassage und um Hilfen für Leukämie- und Tumorkranke erweitern.

Das Grundprinzip des Bobenheim-Roxheimer Projekts lautet: „Alle profitieren.“ Die Familien, die eine große Bandbreite an sinnvollen, oft kostenlosen Angeboten bekommen, und die Anbieter, weil ihnen eine zusätzliche Plattform für ihre Arbeit bereitgetellt wird. So mancher Verein habe durch die Veranstaltungen des Förderzentrums schon neue Mitglieder oder ehrenamtliche Helfer bekommen, berichten Bernd Jung und Harald Stark. Bedauerlich finden es beide, dass sozial schwache Familien die Angebote wenig nutzen.

Am engsten ist die Stiftung mit dem SC Bobenheim-Roxheim verbunden, dessen Namen sie bisher trug. „Es gab da aber immer wieder Verwechslungen und Irritationen“, erklärt Stark, warum kürzlich die Um- benennung in Bernd-Jung-Stiftung erfolgte. „Außerdem würdigen wir damit das Lebenswerk von Bernd Jung.“ Dem rüstigen Rentner liegen nicht nur der Sportclub und das Wohl der Jugend am Herzen, er hat auch ein gutes Händchen fürs Finanzielle: Das Stiftungskapital von ursprünglich 300 D-Mark  sei mittlerweile  auf 560.000 Euro angewachsen, sagt er. Am 1. Juni soll das fünfjährige Bestehen des Förderzentrums mit Sport, Tanz und Musik groß gefeiert werden. Benny Kieckhäben, Teilnehmer der Castingshow „Deutschland sucht den Superstar“, hat einen Auftritt mit seinem Gitarristen zugesagt. Außerdem sind ein Gewinnspiel und eine Typi- sierungsaktion zugunsten Leukämiekranker geplant. (ww)

INFO Nähere Informationen gibt es im Internet unter www.bernd-jung-stiftung.de. Das Förderzentrum Jugend und Soziales sucht Ehrenamtliche, die bei der Organisation und der praktischen Umsetzung von Kursen vor Ort helfen. Kontakt: Telefon 06239 995696 oder E-Mail info@bernd-jung-stiftung.de.


Quelle: Die Rheinpfalz, Ausgabe 72, 26. März 2014

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